Jeder kennt das: Es schmeckt. Oder eben nicht. Aber woher kommt das? Wie kommen wir zu unserem Geschmack? Und wie lernen wir, ob uns etwas schmeckt oder eben nicht? Der SchlĂŒssel dazu liegt wieder einmal in der ErnĂ€hrungsweise im Baby- und Kleinkindalter.
Genetisch gesehen prĂ€ferieren wir SĂŒĂes und Fettiges. SĂŒĂ ist ein Sicherheitsgeschmack, denn damit assoziieren wir automatisch schnelle und gute Energiequellen. Zu Beginn unseres Lebens ist es lebensnotwendig, dass wir SĂŒĂes mögen: Fruchtwasser und Muttermilch schmecken leicht sĂŒĂ. Auch die Fett-Komponente wird von der Muttermilch bedient. Diese hat ein vergleichsweise geringes Volumen bei gleichzeitig hoher Energiedichte. Damit wird der hohe Energiebedarf des SĂ€uglings gedeckt. SĂŒĂ und fettig ist in dieser Zeit in unserem genetischen Programm also eine Frage des Ăberlebens.
Das ist auch der Grund, warum manche Kleinkinder oftmals GemĂŒse nur unwillig essen. Eben weil es nicht in erster Linie sĂŒĂ und nahrhaft-gehaltvoll schmeckt und weil die genetische PrĂ€ferenz aus den SĂ€uglingstagen immer noch nachwirkt. Wenn dann Familienkost auf dem Plan steht und das Kleinkind am Tisch mitisst, sollte wie bereits in der Phase der Breikost das GemĂŒse idealerweise mit einer kohlenhydratreichen Beilage und Fleisch oder Fisch kombiniert werden. Das fĂŒgt dem Essen weitere Komponenten hinzu, Ă€hnlich dem Ăl, das in die Beikost gegeben wird.
Um dem Kind GemĂŒse schmackhaft zu machen, kann man dieses auch zunĂ€chst als Fingerfood anbieten. So lernt der kleine Esser die verschiedenen GemĂŒsesorten spielerisch kennen, kann den Geschmack testen und sich daran gewöhnen.
Die Geschmackswelt von Neugeborenen
Hinter der Entwicklung von Geschmack stecken evolutionsbiologische Steuerungsprogramme. Genau wie der intuitive Wunsch nach SĂŒĂem wird auch die weitere Ausbildung von Geschmacksvorlieben von diesen Programmen gelenkt. Ihr Sinn besteht darin, sich abzusichern, dass das Essen gut und genieĂbar ist und gleichzeitig die Vielfalt der ErnĂ€hrung zu gewĂ€hrleisten.
Neugeborene schmecken bereits sĂŒĂ, sauer und bitter â wobei die letzten beiden von ihnen abgelehnt werden, da sie ein Zeichen fĂŒr Unreife oder verdorbene Lebensmittel sein können. Im Alter von vier Monaten können Babys dann auch salzig schmecken. Auch dies ist biologisch begrĂŒndbar â da der Körper in diesem Alter seinen Wasserhaushalt regulieren möchte, verlangt er nach mehr Natrium. Auch âumamiâ, der Geschmack von eiweiĂreichem, fleischartigem, herzhaftem Essen kommt jetzt zur Geschmackswelt hinzu. Nach etwa drei Jahren ist die organische Entwicklung der Geschmacksorgane abgeschlossen.
Interessanter Aspekt bei der prĂ€natalen PrĂ€gung: Die ErnĂ€hrung der Mutter wĂ€hrend der Schwangerschaft hat Einfluss auf die spĂ€teren GeschmacksprĂ€ferenzen. Auch die ErnĂ€hrung der Mutter wĂ€hrend der Stillzeit spielt eine Rolle. Wenn Mama in dieser Phase beispielsweise regelmĂ€Ăig pflanzliche Lebensmittel zu sich nimmt, wird auch das Kind in der Regel eine hohe PrĂ€ferenz dafĂŒr entwickeln. Muttermilch ist ohnehin ein Wunder der Natur. Sie ist geschmacklich unglaublich vielfĂ€ltig und Ă€ndert ihren Geschmack kontinuierlich.
Um einen neuen Geschmack zu mögen, ist eine stĂ€ndige Wiederholung notwendig, um zu einer langfristigen Geschmacksvorliebe zu fĂŒhren. Und genauso gut kann es passieren, dass ein eben noch völlig unkomplizierter Esser plötzlich viele Nahrungsmittel verweigert. Das geschieht hĂ€ufig um den zweiten Geburtstag herum und ist völlig normal â es gibt sogar einen eigene Begriff fĂŒr diese Phase: Neophobie. Diese Phase beginnt oftmals im Alter von 18 Monaten und prĂ€gt sich dann im spĂ€ten Kleinkind- und Kindergartenalter weiter aus. Bis sich der Horizont wieder weitet und die Kinder wieder anfangen, mit neuen, unbekannten und bisher abgelehnten Nahrungsmitteln zu experimentieren, kann einige Zeit vergehen. Das erfordert unter UmstĂ€nden viel Geduld. Aber es lohnt sich, trotzdem am Ball zu bleiben! Vielleicht helfen ja ein paar unserer Tricks weiter.
Die Entwicklung von Geschmack als Teil der Kultur
Wie aber entwickeln wir unsere genauen Vorlieben? Warum mögen wir bestimmte Speisen und Lebensmittel, andere aber ĂŒberhaupt nicht? In erster Linie spielt die Esskultur eine wichtige Rolle. Durch das gemeinsame Kochen und Essen lernen wir, welche ErnĂ€hrung in unserer jeweiligen Kultur verankert ist und entdecken die typischen Speisen. Wir imitieren unsere Mitesser und essen, was sie essen. Deswegen ist es so wichtig, dass Eltern gute âEss-Vorbilderâ fĂŒr ihre Kinder sind. Denn was sie essen, ist grundsĂ€tzlich erst einmal interessant.
Dann gibt es noch das operative Konditionieren: Geschmackserlebnisse, die positiv besetzt sind, werden schnell und nachhaltig gelernt. Negative Erlebnisse fĂŒhren zu einem ebenso schnellen Lernen derjenigen Geschmacksrichtungen, die dann auch als ânicht guteâ Geschmackserfahrung im GedĂ€chtnis gespeichert werden.
Ein klassisches Beispiel fĂŒr diese Konditionierung ist der âOma-Effektâ. Bei den GroĂeltern ist die AtmosphĂ€re oft entspannt, das Kind steht im Mittelpunkt des Interesses und bekommt sehr oft ein âLieblingsessenâ gekocht. Diese angenehme Situation wird es dann auf das Essen ĂŒbertragen und es entsprechend positiv verankern.
Als Eltern kann man sich diesen Effekt aber genauso gut zugute machen: Indem man nĂ€mlich genau die angenehme Ess-AtmosphĂ€re schafft, die es den Kindern leicht macht, das Essen positiv wahrzunehmen. Dazu zĂ€hlen Ruhe beim Essen, keine mediale Ablenkung und vor allem gemeinsames Essen. Denn zusammen schmecktâs doch ohnehin viel besser.
Quellen:
Ellrott, T., 2012. Entwicklung des Essverhaltens. In T. Reinehr et al., eds. PĂ€diatrische ErnĂ€hrungsmedizin. Stuttgart: Schattauer GmbH, pp. 45â59.
GĂ€tjen, E., 2014. Lottas Lieblingsessen. Stuttgart: TRIAS Verlag.

