Ernährung Ratgeber

Ernährungsexperten im Interview: Dr. Bettina Dörr

Dr. Bettina Dörr

Das Herzstück der Aktion Kleinkind-Ernährung sind die Ernährungsberater und -wissenschaftler, die unsere Themen genau unter die Lupe nehmen und uns die fachlichen Inhalte und das nötige Know-how rund um die Ernährung von Kleinkindern liefern.

Unseren Ernährungswissenschaftler Nicolas Ting haben wir euch bereits vorgestellt. Heute im Fokus steht Dr. Bettina Dörr. Die Diplom-Oecotrophologin hat sich auf den medizinisch-wissenschaftlichen Bereich spezialisiert und arbeitet in München als selbstständige Ernährungsexpertin.

Ein Gespräch über Medizin, Brettspiele und Eis als kleine Sünde

Sie haben lange in der Industrie gearbeitet und sind jetzt seit zehn Jahren selbstständig tätig. In beiden Phasen haben Sie sich auf Lebensmittel für besondere Personengruppen wie Kleinkinder, Sportler oder kranke Menschen spezialisiert. Wie kamen Sie dazu?

Ich fand es immer schon interessant, wie spezielle Inhaltsstoffe aus Lebensmitteln den Organismus beziehungsweise seine Abläufe beeinflussen können. Oft denkt man ja, dass Lebensmittel lediglich gut schmecken und satt machen sollen. Aber es ist wirklich faszinierend, dass die in Lebensmitteln enthaltenen Stoffe weitaus mehr können. Und da liegt es natürlich auf der Hand, dass es besonders für empfindliche Verbrauchergruppen wie Kleinkinder, ältere und kranke Menschen sowie für Personen in besonderen Lebensphasen ganz entscheidend ist, was man isst.

Am meisten hat mich in der Vergangenheit beeindruckt, dass spezielle Nährstoffe sogar bei Intensivpatienten dazu beitragen können, dass es zu weniger Komplikationen kommt, Effekte, die normalerweise nur Medikamenten zugesprochen werden.

Sie waren unter anderem an der Entwicklung eines Brettspiels für Kinder beteiligt, bei dem es um Ernährung geht. Kann man denn Kinder spielerisch an das Thema Essen heranführen?

Auf jeden Fall. Zum Glück hat man mittlerweile erkannt, dass weder Kinder noch Erwachsene mit erhobenem Zeigefinger erreichbar sind. Ein lockerer Umgang mit der Thematik führt zu weitaus besseren Resultaten. Wenn ich ein Verhalten verändern will, egal ob in punkto Ernährung oder in anderen Bereichen, ist es wichtig, dass es bei meinem Gegenüber „klick“ macht.

Und das ist die große Kunst, da Menschen so verschieden sind und so viele Facetten dazu beitragen, dass sie etwas tun oder eben auch nicht tun. Stellen Sie sich beispielsweise zwei Aussagen vor: „Iss täglich fünf verschiedene Portionen Obst und Gemüse!“ versus „Wähle täglich Obst und Gemüse in den drei Ampelfarben aus!“ Was bleibt mehr haften bzw. sorgt für mehr Kreativität und Varianz in der Umsetzung?

Technik und Alltag: Kann man diese Kombination auch beim Thema Essen mit (kleinen) Kindern einsetzen?

Wenn ich mir anschaue, wie selbstverständlich selbst kleine Kinder heute mit PC und Handy umgehen, führt kein Weg mehr daran vorbei, auch diese Technik beim Thema Essen und Lebensmittel einzusetzen. Da hier so vieles möglich ist, wird es eher eine Herausforderung sein, sich auf wesentliche Dinge zu beschränken und die Anwender nicht mit Informationen zu überfluten.

Entscheidend ist für mich in diesem Bereich, dass man Informationen gezielt vermitteln kann und sie auf die persönliche Situation bezogen werden können. So kann ich zum Beispiel berechnen, dass ein halber Liter Limonade schon einen großen Prozentsatz des individuellen täglichen Energiebedarfes ausmachen kann. Das wirkt ganz anders als wenn nur eine Zahl im Raum steht und der Anwender keinen Bezug zu seiner Ist-Situation hat.

Welche Phase der Baby- und Kinderernährung sehen Sie denn als die herausforderndste an und was raten Sie Eltern, wie sie die Herausforderungen meistern?

Jede Phase hat ihre eigenen Herausforderungen. Wie bei jedem neuen Thema ist auch die Frage der richtigen Ernährung meines Kindes mit vielen Ängsten begleitet, es richtig zu machen.

Da „Mr. Google“ hier viele Antworten gibt und häufig der Kompetenzgrad der Aussage nicht direkt erkennbar ist, ist es wichtig, sich nicht von der Vielfalt verrückt machen zu lassen und nach Informationsquellen zu handeln, die abgesichert sind.

Es gibt verlässliche Quellen wie beispielsweise das Forschungsinstitut für Kinderernährung, die deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, der Auswertungs- und Informationsdienst aid bzw. Organisationen und Portale, die ihre fachliche Basis offenlegen. Und eines ist nicht zu vergessen, was heutzutage häufig app-gesteuert vergessen wird: Den gesunden Menschenverstand einzuschalten und auf seine innere Stimme zu hören.

Ernährungstrends wie vegan, glutenfrei, laktosefrei auch im Kinderbereich: Wie stehen Sie dazu?

Es gibt Erkrankungen, die es absolut notwendig machen, dass Lebensmittel entsprechend ausgewählt bzw. bestimmte Lebensmittel auch komplett gemieden werden müssen. Gerade im (Klein)-Kinderbereich zählen hierzu auch bestimmte angeborene Enzymerkrankungen oder auch Allergien. Denn die gezielte und verantwortungsbewusste Auswahl kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass es zu weniger oder keinen Beschwerden kommt.

Es gibt aber auch Menschen, die sich und ihren Familienangehörigen ohne saubere Diagnostik eine solche Diät „verordnen“, obwohl sie weder notwendig noch sinnvoll ist. Das halte ich für eine unnötige Minderung der Lebensqualität. Darüber hinaus kann es bei massiv einseitigen Ernährungsformen auch zu Nährstoffdefiziten kommen. Daher rate ich jedem, der Erkrankungen hat, die eine starke Einschränkung üblicher und ausgewogener Lebensmittel bedeutet, sich in punkto Diagnostik und Therapie von kompetenten Fachkräften beraten zu lassen. Für den Bereich Ernährung finden Sie eine Liste von Experten, wählbar nach Kriterien wie Postleitzahl, Fachgebiet, Sprache.

Bei welchen Lebensmitteln werden Sie denn „schwach“?

Im Sommer kann ich an einer Eisdiele mit gutem Eis nur schwer vorbei gehen.

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