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Experteninterview: Baby-led Weaning – Top oder Flop?

Baby-led-Weaning: Baby mit Karotte

Was ist Baby-led Weaning?

Baby-led Weaning ist eine vom Baby eigens geführte schrittweise Umgewöhnung von Säuglingsmilch zu festen Nahrungsmitteln. Das Baby wird also nicht mehr gefüttert, sondern ihm wird selbst überlassen, was es isst und sich selbst zu füttern.

Seit geraumer Zeit gibt es im Rahmen der Baby- und Kleinkindernährung ein vieldiskutiertes Konzept: Baby-led Weaning lautet das Schlagwort. Entwickelt wurde es von der britischen Gesundheitsberaterin Gil Rapley, die damit eine Alternative zur herkömmlichen Einführung der Beikost im Babyalter schaffen wollte. Denn Babybrei gibt es bei der reinen Form von Baby-led Weaning nicht. Vielmehr essen die Kinder ab der Übergangsphase ins Beikost-Alter selbstständig am Tisch mit und bestimmen damit auch, was sie essen.

Aus dem Konzept hat sich geradezu ein Hype entwickelt – Eltern können Kurse belegen, es gibt eine Unzahl an Ratgebern und Webseiten, die sich mit Baby-led Weaning beschäftigen. Kinderärzte jedoch sehen den Trend kritisch, denn in der reinen Form praktiziert, besteht die Gefahr einer Mangelernährung der Babys.

Wir haben Baby-led Weaning unter die Lupe genommen und mit unseren Ernährungsexperten Nicolas Ting und Amrei Korte ein Gespräch über den Hype rund um diese Form der Babyernährung geführt.

 

Baby-led Weaning: Ein Ernährungskonzept unter der Lupe

Was haltet ihr generell von Baby-led Weaning?

Nicolas Ting

Nicolas Ting

Nicolas: Baby-led Weaning ist ja vom Begriff her die Baby-geführte Eingewöhnung in die normale Familienkost. Das heißt, Auswahl und Menge der Lebensmittel werden vom Baby gesteuert. Das Stillen nach Bedarf wird weitergeführt. Für mich ist es ganz klar eine ergänzende Ernährungsform der Beikost und keine alleinstehende Alternative. Vom Ansatz her finde ich gut, dass mehr auf die Konsistenzunterschiede der Ernährung, den spielerischen Umgang und das individuelle Tempo des Kindes geachtet wird. Achtsamkeit ist auch beim Essen immer gut.

Große Herausforderungen sehe ich bei der Entwicklung des Magen-Darm-Traktes und der ausreichenden Nährstoffzufuhr. Auch wird bei Baby-led Weaning davon ausgegangen, dass jedes Baby ab 6 Monaten soweit entwickelt ist, dass es aufrecht sitzen kann und die motorischen Fähigkeiten hat eigenständig zu essen. Das ist ja aber gar nicht der Fall. Man muss der Vollständigkeit halber schon erwähnen, dass pürierte Kost bei Baby-led Weaning nicht grundsätzlich abgelehnt wird. Mir fehlt aber die wissenschaftliche Fundierung und kritische Beleuchtung. Wie bei vielen Trends wird manches zu schnell zu ungefragt übernommen.

Amrei Korte

Amrei Korte

Amrei: Ich finde es positiv, wenn Kinder schon in einem sehr frühem Alter Lebensmittel in ihrer natürlichen Form und Konsistenz erleben. Und das Kauen und das Knabbern am Essen hilft beim Verdauen, denn ähnlich wie bei Erwachsenen beginnt die Verdauung und die Vorbereitung des Magens auf die Nahrungszufuhr ja bereits im Mund.

Doch all dies ist natürlich nur dann sinnvoll und hilfreich, wenn das Essen auch tatsächlich im Magen landet. Ist dies nicht gewährleistet, besteht tatsächlich langfristig die Gefahr eines Mangels. Außerdem finde ich die Idee der Autonomie, um die es angeblich geht, etwas fragwürdig. Denn letztlich entscheiden ja trotzdem die Eltern, was sie dem Kind vorsetzen. Auch fehlt einem Baby einfach das Wissen und die Erfahrung, was essbar ist und was nicht. Ob es dann förderlich für seine kulinarische Offenheit ist, es in eine Avocadoschale beißen zu lassen, halte ich für zweifelhaft.

Ich denke, dass Baby-led Weaning – wie so vieles – nicht nur schwarz oder weiß gesehen werden kann, sondern dass es gute Ansätze birgt, und es darum geht, diese im richtigen Maß und der richtigen Form in die Baby- und Kleinkindernährung zu integrieren.

Wie kann man Baby-led Weaning auf den Alltag übertragen?

Nicolas: Der Ansatz ist ja recht schnell erklärt und bezieht sich auch klar auf die Anwendung im Familienalltag: Das Baby wird früh an die Familienkost beziehungsweise die Mahlzeiten gewöhnt. Das heißt, es soll bei den Mahlzeiten dabei sein und bei Interesse die gleichen Lebensmittel in mundgerechten Stücken erhalten. Es füttert sich quasi selbst. Diese Form der „Beikost“ soll eine stressfreie Einführung in eine gesunde Ernährung sein.

Amrei: Genau an dem Punkt störe ich mich. Ich denke, es ist gar nicht stressfreier, wenn das Baby selbst isst. Denn man muss ja trotzdem darauf achten, dass es genug isst. Einfach nur hinsetzen und machen lassen, das geht nicht. Ich glaube auch nicht, dass das jemand so knallhart durchzieht. Also wird es vermutlich so aussehen: Das Kind nimmt schon früh an den Mahlzeiten teil, die Eltern bereiten das Essen aber vor und helfen ihm auch beim Essen. Also auch hier wieder der Graubereich anstelle des dogmatischen Ganz-oder-gar-nicht.

Welche Vorteile und welche Nachteile hat Baby-led Weaning?

Nicolas: Zu den bereits genannten würde ich als weitere Vorteile noch die sensomotorische Frühförderung und die Förderung der Kaumuskulatur anführen. Ein Nachteil ist sicherlich auch die Verschwendung von Nahrungsmitteln, weil einfach viel auf dem Boden landet. Und man muss hinterher viel putzen, aber das ist wohl eher nachrangig in der wissenschaftlichen Betrachtung (lacht).

Amrei: Man sollte auch daran denken, dass die Babys bei der Beikosteinführung im herkömmlichen Modus ja auch lernen mit einem Löffel umzugehen. Das Thema wird bei Baby-led Weaning ja vernachlässigt, weil die Kinder eher mit der Hand essen.

„Das langsame Herantasten an Neues ist perfekt, vor allem, wenn dabei sichergestellt wird, dass das Baby an ausreichend Nährstoffe und Kalorien kommt.“
– Ernährungscoach Amrei Korte.

Ist die Kritik an Baby-led Weaning, die jüngst aufkam, berechtigt?

Nicolas: Ganz klar: ja. Weil den Eltern suggeriert wird, dass Baby-led Weaning die ultimative Problemlösung für alle Essprobleme des Babys sein kann. Und vor allem, dass es natürlicher sei als normale Breikost. Und „natürlich“ ist schließlich immer gut. Aber das ist Quatsch, denn jedes Kind ist anders und verhält sich auch anders dem Essen und den Lebensmitteln gegenüber. Und auch die Haltung der Eltern zum Thema Essen unterscheidet sich ja von Familie zu Familie.

Amrei: Das denke ich auch. Und generell halte ich all diese extremen Empfehlungen und Veränderungen für kritikwürdig. Richtig hingegen finde ich den Impuls, sich über die Autonomie des Kindes beim Essen Gedanken zu machen und Ansätze von Baby-led Weaning in den Alltag zu integrieren.

Ist also der Mittelweg wie so oft der beste? Also schon Breikost, aber zwischendurch immer auch mal ein Stückchen feste Nahrung?

Nicolas: Das ist sowieso meine Empfehlung. Damit kann man schon ab dem 7. Monat anfangen. Was ich nicht empfehle, sind harte Stücke im Brei. Hier muss es klare Unterschiede geben. Also Brei und separat dazu Fingerfood zum „Dippen“ im Brei. Das stärkt und schult die Motorik. Wobei natürlich bei der klassischen Gläschenkost ja durchaus weiche Stücke im Brei zu finden sind, sei es jetzt Obst oder Gemüse. Die meine ich hier nicht, denn da sind sie in die Breistruktur integriert und zudem sehr soft.

Amrei: Das langsame Herantasten an Neues ist perfekt, vor allem, wenn dabei sichergestellt wird, dass das Baby an ausreichend Nährstoffe und Kalorien kommt.

Thema Fingerfood für Babys: Was eignet sich da und ab welchem Alter?

Nicolas: Die generellen Empfehlungen, die man gemeinhin bekommt, richten sich an Kinder ab dem 10. Lebensmonat. Aber je nach Entwicklung und Beikost-Fortschritt kann man wie vorhin erwähnt auch schon ab dem 7. Monat damit beginnen. Man fängt mit weichen gedämpften Karotten, Kartoffeln oder Kohlrabi-Stücken an. Später kann man dann auch gekochte Vollkorn-Nudeln mit Gemüsesoße servieren – lieber keine pure Tomatensoße, die ist zu sauer. Auch Brokkoli ist ein toller Begleiter, gerade im Sommer, wenn er knackfrisch aus heimischem Anbau kommt. Getreidestangen, beispielsweise aus Dinkel, bieten sich bei den bereits „geübten“ Babys an. Dazu ein Dip aus Joghurt – das passt ab dem 10. Monat.

Amrei: Auch gedämpftes Obst wie Apfel oder Birne sind eine gute Option für den Start. Bananen sind aufgrund ihrer Süße und weichen Textur bei kleinen Kindern sehr beliebt. Das Innere von einem weichen Brot kann ebenfalls funktionieren, auch weil durch das langsame Kauen oder Nuckeln die Stärke zerlegt wird und süß schmeckt, was kleine Kinder ja gerne mögen. Ab welchem Alter man startet, ist immer auch individuell im Rahmen des Entwicklungsstandes des Kindes zu betrachten. Da sollte sich jede Familie langsam herantasten.

Das heißt lieber dämpfen statt komplett roh geben?

Nicolas: Korrekt. Optimal ist gedämpft oder mit wenig Wasser gegart. Und immer mit einem wertvollen Pflanzenöl versetzen beziehungsweise leicht benetzen.  Dann minimiert man auch die Verschluckgefahr, die bei zu harten Nahrungsmitteln gerade bei so kleinen Kindern auf jeden Fall immer besteht.

Amrei, du beschäftigst dich intensiv mit dem Thema Somatische Intelligenz. Dabei geht es etwas verkürzt gesagt darum, bei der Ernährung mehr auf das Bauchgefühl zu hören. Ist Baby-led Weaning ein ähnlicher Ansatz?

Amrei: Ähnlich ist, dass auch beim Baby-led Weaning den Kindern mehr Autonomie zugeschrieben wird für das, was das Kind mag und braucht. Die Erfahrung im Kontakt mit einem neuen Lebensmittel wird dann abgespeichert und beeinflusst das zukünftige Verhalten. Insofern glaube ich schon, dass Babys sehr wohl spüren, wann sie eine bestimmte Nahrung eher ablehnen und wann sie mehr davon verlangen. Sie wissen vielleicht nicht kognitiv, dass ihnen der Apfel beim letzten Mal Durchfall verursacht hat, aber der Körper merkt sich einiges, speichert es und verwendet das dann für zukünftige “Entscheidungen”.

Beim Baby-led Weaning geht die Autonomie allerdings so weit, dass das Baby sogar entscheiden soll, ob es in die bittere und harte Schale einer Melone oder Avocado beißt. Welche Assoziation dadurch im Körper gespeichert wird, kann man sich vorstellen und hier befürchte ich, dass die Autonomie nicht den gewünschten Effekt erzielt. Wichtiger Grundsatz bei der Somatischen Intelligenz ist es, dem Kind, seinen Vorlieben und Bedürfnissen zu vertrauen und es zu nichts zu zwingen. Das bedeutet aber nicht, dass ich ein kleines Baby völlig sich selbst überlasse.

Baby mit Holzklotz in der Hand

Foto unsplash.com/@invent

Was würdest du konkret Eltern mit Baby in punkto Ernährung raten?

Nicolas: Es gibt wunderbare Ernährungs-Fahrpläne verschiedener Gesellschaften, die Empfehlungen aussprechen und die so flexibel gestaltet sind, dass sich darin auch jede Familie wiederfinden kann. Diese Angebote sollte man sich auf jeden Fall mal anschauen und sich davon inspirieren lassen. Das Wichtigste ist ohnehin, sich nicht unter Druck zu setzen oder setzen zu lassen, sondern das eigene Tempo und die eigene Kreativität innerhalb der Beikost zu wagen.

Amrei: Und man kann den Eltern auch immer nur raten, auch abgelehnte Speisen kontinuierlich anzubieten. Es braucht einfach eine gewisse Zeit, sich an einen neuen Geschmack zu gewöhnen. Man muss also etwas Geduld mitbringen. Wer am Ball bleibt wird belohnt – mit einem Kind, das Freude am Essen und am Geschmack entwickelt. Wichtig für die Eltern ist es vor allem, als Vorbild voranzugehen und auch kleine Kinder schon früh in Essensrituale und die Zubereitung des Essens einzubinden. Wertschätzung und Dankbarkeit dem Essen gegenüber ist ein wichtiger Punkt – und wenn wie beim Baby-led Weaning ein Großteil des Essens auf dem Boden verteilt wird, bin ich mir nicht sicher, ob das ein wirklich wertvoller Ansatz ist.

Sind Eltern heutzutage vielleicht einfach auch ein bisschen zu vorsichtig? Oder anders gesagt: Haben sie verlernt, auf ihr Bauchgefühl zu hören und hecheln stattdessen immer neuen „Trends“ hinterher?

Amrei: Wir werden geradezu überhäuft von sich widersprechenden Informationen rund um das Thema Ernährung. Zu jeder Studie gibt es eine Gegenstudie und keiner weiß mehr, was richtig und was falsch ist und wie gesunde Ernährung denn nun aussieht. Viele Eltern versuchen, alles richtig zu machen und aus diesem positiven Ansatz heraus kann schnell auch ein gewisser Zwang oder eine Verkrampftheit entstehen.

Nicolas: Eltern heutzutage haben einen zusätzlichen Kampf zu bestreiten: Welche Information ist für mich wichtig und wie schaffe ich mir Selbstvertrauen. Die Informationsflut übertönt das Bauchgefühl, weil wir alles richtig machen wollen. Wir brauchen das Bauchgefühl aber, um Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden zu können. Einfache Ratgeber wie es sie zum Thema Beikost ja durchaus gibt, können dabei eine sinnvolle Unterstützung bieten.

Der Grundgedanke beim Baby-led Weaning ist ja kein schlechter.
– Ernährungswissenschaftler Nicolas Ting

Wie schafft man es, sich als Eltern davon zu befreien?

Amrei: Je weniger man sich verrückt machen lässt, desto entspannter kann man sich und die Familie ernähren. Es ist in meinen Augen sehr viel wichtiger, sich Zeit zum Einkaufen, Kochen und Essen zu nehmen als einem bestimmten Trend zu folgen. Mag der als noch so gesund vermarktet werden. Experten sind sich einig, dass Glaubenssätze zum Thema Essen in der frühesten Kindheit gebildet werden, sich festsetzen und den Grundstein für spätere Frust- oder Stressesser sein können. Daher meine klare Empfehlung: Wir sollten so entspannt wie möglich mit dem Thema Essen umgehen, auf den eigenen Körper hören, und uns selbst und die Kinder zu Autonomie erziehen. Essen sollte uns nicht nur optimal ernähren, sondern auch Spaß, Freude und Genuss bedeuten!

Der allgemeine Trend, sich „natürlich“ und „gesund“ zu ernähren ist klar erkennbar. Oftmals geht er einher mit einer Ablehnung von Produkten, die man als künstlich empfindet – meist Produkte aus der Nahrungsmittel-Industrie. Sind Trends wie Baby-led Weaning eine Rückkehr zu, sagen wir mal, einer natürlicheren und auch „archaischeren“ Ernährungsweise? 

Nicolas: Das glaube ich nicht. Ich denke eher, dass es bei all diesen Trends immer auch darum geht, für sich selbst eine gewisse Einzigartigkeit zu kreieren. So nach dem Motto: Schaut mal her, ich mache das ja jetzt anders als der Mainstream. Meine kleine individuelle Oase in dieser informationsüberfluteten Welt. Dass aus einem Trend ganz schnell auch wieder Mainstream wird, das übersehen viele nur leider.

Aber, man muss es nochmal sagen: Der Grundgedanke beim Baby-led Weaning ist ja kein schlechter. Nämlich der, dass das Essen sich dem Tempo des Kindes anpasst. Aber man muss auch sehen, dass das im Grunde ohnehin der Ansatz auch bei jeder anderen Form der „normalen“ Beikost ist. Man kann sogar die bekannten Produkte der Hersteller von Baby- und Kleinkindnahrung in den Speiseplan integrieren. Also die klassischen Gläschen, aber auch in Kombination beispielsweise mit Zwieback oder Getreidestangen. Auch das ist Fingerfood und folgt damit im Grunde dem Ansatz von Baby-led Weaning.

Man sollte dieser ganzen Diskussion einfach mal ihre Absolutheit nehmen und das Ganze als das sehen, was es im Kern ist: Empfehlungen dafür, wie ich mein Kind schrittweise und vollwertig an eine gesunde Ernährung gewöhne und es schule, sich irgendwann einmal selbst ausgewogen und gesund zu ernähren. Und das gelingt in erster Linie mit der Auswahl und der Qualität der Lebensmittel. Ich eröffne meinem Kind eine Welt aus Geschmack, Konsistenz und Farbe und gebe ihm damit die Grunderfahrungen mit, die es braucht.

Dafür benötigt man jetzt auch gar keinen eigenen Begriff, sondern eigentlich nur das Vertrauen darauf, dass das Kind schnell diesen gewissen Grad an Eigenständigkeit entwickeln wird, wenn man es nur lässt und es dabei sanft anleitet.

Amrei: Schön gesagt, Nicolas. Genau darum geht es.

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